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DIE AENEIS

Eine Heimat brennt 

Unsere Reise beginnt in Troja. Während Agamemnon die Stadt in Schutt und Asche legt, rettet Aeneas seinen Vater Anchises und seinen Sohn Julius Ascanius und bricht mit einer handvoll Überlebender über das Meer nach Rom auf. Es handelt sich um ein Rom, das noch nicht existiert. Es wurde den Auserwählten verheißen, verheißen von ihren Göttern: Aus Blut und Tod soll eine Herrschaft entstehen, die viele Jahrzehnte überdauern wird. Also muss das bereits besiedelte Latium erobert werden, damit Rom gegründet werden kann. Die Aeneis von Vergil, die der aus Südtirol stammende Autor und Literaturwissenschaftler Toni Bernhart für das 5. freie Theaterfestivals dramatisiert hat, ist einerseits eine ideologisch verbrämte Odyseee und präsentiert sich gleichzeitig als eine stete Wiederkehr menschlicher Irrungen. Eine Ordnung löst die andere ab, und im Chaos der Zwischenräume liegen Krieg, Asche, Staub und mäandernde (oder zweifelhafte) Utopien, die auf ihre Umsetzung warten.  

Von Toni Bernhart. Nach Vergil. 

Ungefähr 29 v. Chr. begann Vergil die Arbeit an seiner »Aeneis«. In ihr zeichnete er das Schicksal des flüchtenden Aeneas nach, von der Eroberung Trojas bis zum Sieg über den italischen Rutulerfürsten Turnus. Vergil lehnte sich dabei eng an Homer an, kehrte die Vorlage aber um: denn der erste Teil der Aeneis verhandelt die Flucht, ist damit quasi der odysseische Part, der zweite Teil - sprich der Kampf um das zu gründende Rom - ist somit die iliadische Hälfte. Mit der Wahl dieses Stoffes hat Vergil zudem einen Gründungsmythos geschaffen, mit dem Kaiser Augustus seinen Machtanspruch legitimieren konnte. Denn durch Cäsars Adoption gehörte er nun ebenfalls dem julischen Geschlecht an und war damit nicht nur Nachfahr von Aeneas Sohn Julius Ascanius, sondern konnte sich über Aeneas Mutter Venus auch göttlicher Abstimmung versichern. 

Ein zweifaches Auftragswerk gewissermaßen. 

Kaiser Augustus war daher wenig verwunderlich sehr an Vergils Vorhaben interessiert, zumal Vergil bis zu seinem Tod im Jahr 19 v. Chr. daran schrieb. Vergil musste ihn jedoch häufiger mal vertrösten. „Gern würd ich dir von meinem Aeneas etwas schicken, wenn ich nur schon einen Entwurf hätte, der wert wäre, von dir gehört zu werden. Doch ich habe einen so gewaltigen Stoff vorgenommen, dass ich glaube, es war eine Art Wahnsinn, ein Werk von solchen Dimensionen in Angriff zu nehmen, dies umso mehr, als ich, wie du weisst, noch andere, weit wichtigere Studien für dieses Werk treiben muss." (Saturnalia 1,24,11) 

Vergil hat die Aeneis nicht vollendet, Hauptsache bleibt, dass er sie angefangen hat! Und wir sie nun als Drama auf die Bühne bringen. 

Möglich ist dies durch die Dramatisierung des Literaturwissenschaftlers und Theaterautors Toni Bernhart. Geboren in Prad (Vinschgau) studierte er Literaturwissenschaft in Wien und Berlin und ist derzeit Leiter des Forschungsprojektes: "Quantitative Literaturwissenschaft" and der Universität Stuttgart. Seine zahlreichen Theaterstücke sind im Skarabaeus Verlag erschienen.